„Konrad, du bist jetzt der Bunkermann“ – Ein Schicksalstag in der Maxhütte
Der Unfall am Hochbunker
Das logistische Herz der Rohstoffversorgung
Der Hochbunker war das Herzstück der Rohstoffversorgung – eine gewaltige Anlage aus 14 Erzbunkern und 5 Koksbunkern, in deren Betonsilos Erze, Koks und alle nötigen Zuschlagstoffe wie Kies, Dolomitschotter und Eisenspäne für den Hochofen lagerten. Vier Forderbänder führten hinauf zum Befüllen, und der Bunkermann steuerte das Material mit fahrbaren Förderbändern präzise in die vorgesehenen Behälter.Der Weg des Materials zum Drehkipper
Den Großteil des Materials lieferte die Bundesbahn direkt an den Drehkipper. Dort wurden die Waggons nach dem Hochklappen der Stirnwand hydraulisch angehoben, sodass der Inhalt in einen Bunker hinunterrutschte. Ein Förderband nahm das Material auf und transportierte es weiter – über ein zweites, ganze 200 Meter langes Band, das von Rosenberg aus weithin sichtbar zum Hochbunker hinaufstrebte.Ein unerwarteter Marschbefehl
An einem gewöhnlichen Vormittag im Jahre 1988 war ich zum Koksklppen am Drehkipper eingeteilt. Die Schicht verlief ruhig, und ich freute mich schon auf die wohlverdiente Brotzeit – da durchbrach eine Stimme aus der Sprechanlage die Stille. Der Leitstand meldete sich: „Konrad muss sofort zum Hochbunker kommen. Er soll seine Brotzeittasche mitnehmen – er bleibt droben.“Schrecksekunde in luftiger Höhe
Ein seltsamer Befehl. Mit einem mulmigen Gefühl machte ich mich auf den Weg übers lange Band 18 hinauf. Doch als ich oben ankam, blieb mir das Blut in den Adern stehen: Eine Gruppe Menschen stand zusammen – Sanitäter, Schlosser, Vorgesetzte. Ihre Gesichter sagten mehr als Worte.Was war geschehen?
Hans, der Hochbunkermann – ein netter Kerl, aber bekannt für seine Hektik und seine nie erloschene Zigarette – hatte einen folgenschweren Fehler gemacht. Um einen Gegenstand aus dem laufenden Fahrband zu entfernen, hatte er einfach hineingegriffen. In Sekunden erfasste ihn das Band und wickelte seinen Arm um die Umlenkrolle – 60 Zentimeter Durchmesser, unbarmherzig drehend. Hans schrie aus vollem Hals nach Hilfe.Rettung in letzter Minute
Nur ein Zufall rettete ihn: Der Frühschichtler Werner war zufällig auf dem Weg zum Brotzeitraum beim Füllrumpf, als er die Hilfeschreie hörte. Sofort alarmierte er den Leitstand. Der Vorarbeiter eilte als Erster nach oben, erkannte mit einem Blick den Ernst der Lage und löste Alarm aus – Sanka, Notarzt, alle verfügbaren Schlosser und Elektriker wurden zusammengerufen. Der Notarzt gab dem Verletzten sofort eine Spritze.Ein letzter Wunsch und schwere Stunden
Als ich zu Hans trat und er mich erkannte, blieb er trotz allem er selbst. „Konrad“, sagte er mit schwacher Stimme, „hol mir bitte in der Brotzeitbude eine Zigarette.“ Der Notarzt schnitt ihm das Vorhaben kurz ab – daran war im Moment nicht zu denken.Was folgte, war eine nervenaufreibende Rettungsaktion. Die Schlosser schnitten das 60 Zentimeter breite Förderband durch, schnitten mit dem Schweißbrenner etliche Winkeleisen vom fahrbaren Band ab – und das alles, während sie den Verletzten so gut es ging abschirmten. Jeder Handgriff musste sitzen. Als der Arm endlich freigelegt war, zeigte sich das volle Ausmaß der Verletzung: Der Oberarm war komplett zertrümmert, nur noch durch Muskelfleisch mit dem Körper verbunden.
Kampf um den Erhalt des Arms
Hans kam zunächst ins Sulzbacher St. Anna Krankenhaus. Die Ärzte dort sahen keine Möglichkeit, den Arm zu retten, und wollten amputieren. Doch man entschied sich, ihn ins Klinikum nach Amberg zu verlegen – und dort gelang das scheinbar Unmögliche. Der Arm wurde gerettet. Mit der Zeit konnte Hans die Finger wieder ein wenig bewegen und sich in vielen Dingen des Alltags behelfen. Kein vollständiger Sieg, aber unendlich viel besser als der Verlust.
Abschied und Neuanfang
So ist das Schicksal: Man geht morgens in die Arbeit – und weiß nicht, dass man vier Stunden später den Betrieb als ein anderer Mensch verlässt. Der Meister Richard und ich hatten feuchte Augen, als man unseren Kollegen auf die Trage hob und abtransportierte. Er wandte sich zu mir um und sagte ruhig: „Konrad, von jetzt an bist du der Bunkermann.“Das Ende einer Ära
Und so war ich es. Zwei Jahre lang, bis 1990, arbeitete ich am Hochbunker. Dann brauchte man den Platz für einen älteren Kollegen, und ich wurde wieder unten eingesetzt – am Ofen und im Leitstand – bis zur endgültigen Schließung der Maxhütte im Jahr 2002.Als ich zu Hans trat und er mich erkannte, blieb er trotz allem er selbst. „Konrad“, sagte er mit schwacher Stimme, „hol mir bitte in der Brotzeitbude eine Zigarette.“ Der Notarzt schnitt ihm das Vorhaben kurz ab – daran war im Moment nicht zu denken.