Direkt zum Seiteninhalt

Sprengung am Ofen 4 - Bergbau in Sulzbach-Rosenberg

Menü überspringen
Menü überspringen
Donnerschlag im Wasserdampf
Maxhüttre - Hochofenanstich
Menü überspringen
Sprengung am Ofen 4
 
Die Hochöfen, von denen in der Maxhütte Stück brannten, mussten von außen ständig mit Wasser gekühlt werden, damit sie nicht durchbrannten. Das heißt, dass die Ausmauerung mit feuerfesten Steinen nicht so heiß wurde, dass diese zersprangen. Schließlich herrschte im Inneren des Hochofens eine Hitze von mehr als 1500 Grad. Die Kühlung, die sich rund um den Ofen zog, war eine Wasserrinne, etwa 70 cm hoch und genauso breit.

Dieser Kranz aus massivem Eisen hatte eine wichtige Aufgabe: Er sammelte das Kühlwasser, das außen am Ofenmantel hinabfloss, und leitete es ab. Dieses Bauteil war erheblichen Belastungen ausgesetzt. Jedes Mal, wenn der Ofen abgeblasen wurde, also alle zwei Stunden, um das flüssige Eisen abzulassen, spritzte etwas von dem glühenden Metall in diesen Kranz. Die kleinen Mengen häuften sich mit der Zeit und sammelten sich rund um das Abstichloch. Über Wochen und Monate bildeten sie eine 10 cm starke, gefährliche Masse aus Eisen und Schlacke.

Von Zeit zu Zeit, wenn der Ofen stillstand, kam der Sprengmeister, um das überschüssige Material in mehreren Sprengungen zu beseitigen. Anders konnte es nicht gelockert werden. Vorsichtig und mit höchster Präzision legte er seine Sprengladungen an. Es war immer ein riskantes Unterfangen, in der engen Umgebung am Ofen, zu sprengen. War es zu wenig, Sprengstoff lockerten sich die Ablagerungen nicht. War es zu viel, konnte die Rinne beschädigt werden, auch wenn sie aus zentimeterdickem Stahl war.

Nach dem Schuss war es dann an den Arbeitern, das gelockerte Material zu entfernen und abtransportieren. Doch die Arbeit war noch nicht erledigt. Denn kaum war der letzte Brocken beseitigt, wurde die nächste Ladung vorbereitet.

Der Sprengmeister, ein erfahrener Mann, der seine Ausbildung im Bergbau gemacht hatte, arbeitete stets ruhig und konzentriert. Doch rund um den Ofen herrschte eine chaotische Atmosphäre. Der ständige Dampf, der durch das herunterfließende Kühlwasser aufstieg, verdichtete sich zu einer Wand aus Nebel. Oft konnte man kaum zwei Meter weit sehen. Es war, als befände man sich mitten in einem Kochtopf – heiß, dampfig und gefährlich.

Bevor der Spezialist zündete, musste er sicherstellen, dass niemand mehr im Sprengbereich war. Ein Fehler konnte in dieser Situation tödlich sein. Doch an einem dieser Tage, als der Ofen stillstand und ihn eine Wand aus Dampf umhüllte, übersah er tatsächlich einen Arbeiter. Der Girgl, ein ehemaliger Bergmann, war zwar aus seinem Blickfeld verschwunden, hatte sich aber nicht weit genug aus der Gefahrenzone entfernt. Der Sprengmeister, nichts ahnend, zündete die Ladung.

Ein gewaltiger Knall – das Echo hallte wie ein Donnerschlag durch den Ofenbereich. Der Girgl, der sich etwas abseits aufgehalten hatte, wurde zwar nicht direkt vom Explosionsmaterial getroffen. Dennoch schleuderte ihn die Wucht der Sprengung zurück, während eine gewaltige Wasserfontäne ihn erfasste. Völlig durchnässt und betäubt vom Knall taumelte er aus dem Dampf. Der Lärm und die Wucht des Ereignisses hinterließen bei ihm nicht nur ein nasses Outfit, sondern auch ein Knalltrauma, dass ihm die Ohren noch minutenlang dröhnten. Der Schock saß tief. Das hätte böse enden können!

Mit nassen Klamotten, noch zitternd vor Schreck, eilte der Girgl zum Leitstand, um sich zu beschweren. Wütend, aber auch noch aufgewühlt vom Vorfall, schrie er den Betriebsassistenten an: „Wos soll der Mist, dea Depp hait me bainah weggsprengt. Ich kannt hii saa“. Der Betriebsassistent, scheinbar völlig unbeeindruckt, hörte ihm ruhig zu. „Jetzt weißt gleich, wie’s im Krieg ist“, sagte er schließlich mit einem Grinsen. Die Anwesenden lachten, doch der Arbeiter war alles andere als amüsiert. Er hatte Glück gehabt – er hätte genauso gut tot sein können und was er von sich gab, kann hier nicht zitiert werden.

In manchen Bereichen der Maxhütte, wie am Hochofen, im Stahlwerk oder Walzwerk war jeder Moment eine Herausforderung, die jederzeit tödlich enden konnte. An diesem Tag war der Girgl noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen. Doch er nahm sich vor, künftig vorsichtiger zu sein.
Es handelt sich um einen Zeitzeugenbericht von Konrad Pilhofer, der durch Helmut Heinl redigiert wurde.
Zurück zum Seiteninhalt