„Aiz hots ei’gschlong!“ – Ein Blechgewitter für den Herzl Seff


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"Leben in der Bergmannssiedlung"
Blitzschlag in der SauerstoffanlageIn der Sauerstoffanlage der Maxhütte, wo der Sauerstoff für das Stahlwerk erzeugt wurde, ging es gegen Ende der Zwanzigerjahre noch recht geruhsam zu, abgesehen vom Brummen der Motoren. Während draußen im Stahlwerk die Funken sprühten, der Rauch aus den Schloten quoll, herrschte hier fast so etwas wie Nachtruhe. Die Maschinen liefen ruhig und gleichmäßig. Ein oder zwei Mann waren für die Wartung eingeteilt – genug Zeit also, nach dem Kontrollgang in einer stillen Ecke ein Nickerchen einzulegen. Für deren Wartung waren zwei Mann zuständig. Lief alles reibungslos verzogen sich nicht selten, nach ihrem Kontrollgang, in irgendeine Ecke und schliefen ein paar Stunden. Der Lärm störte sie nicht. Sie hatten so geschärfte Ohren, dass sie auch im Schlaf registrierten, wenn irgendeine Maschine plötzlich nicht mehr störungsfrei lief. Kein Meister verirrte sich nach Mitternacht in die abgelegene Halle, halb auf dem Weg zum Schlackenberg.
An diesem Abend lag eine schwüle Hitze über dem Werk. Die Luft stand schwer in der hohen Maschinenhalle. Genau das richtige Wetter, um Seff ein wenig zu verunsichern.
Die beiden Schlosser hatten dem Seff schon beim Pförtner zugerufen, dass er nicht mit ihnen rechnen brauche: „Rechnet’s niad mit uns! Viel z` gfährlich heint. Da gibt’s bestimmt nu a Gwitter. Und bei dem Weda Blechtafeln schweißen? Bist narrisch? Wenn’s daou eischlagt…“
Der Seff hat gelacht und gemeint, das könne ihm nichts machen, er sei kein „Blechpatscher“, wie manche Schlosser abfällig bezeichnet wurden. Sie sollten nur kommen und ihre Arbeit machen, in die Sauerstoffanlage habe es noch nie eingeschlagen. Trotzdem warf er später immer wieder einen Blick hinaus in die dunkle Nacht.
Kurz nach Mitternacht hatte sich die Hitze noch immer nicht verzogen. Kein Donner, kein Blitz – nur drückende Schwüle. Seff streckte sich auf der schmalen Bank aus. Irgendwann muss er eingeschlafen sein. Jahrelange Übung…
Es war lange nach Mitternacht und der Seff hatte sich wohl schon eine Stunde auf der schmalen Bank ausgestreckt, als die beiden Betriebsschlosser in das Gebäude schlichen. Zu zweit trugen sie ein schweres Trägerstück geräuschlos auf die Montagebühne – genau über die darunter gelagerten Eisenplatten. Ein letzter Blick. Ein kurzes Nicken. Dann ließen sie los.
Der Aufprall zerfetzte die Stille. Ein furchtbarer Donnerschlag dröhnte durch die Halle! Seff fuhr hoch, die Augen weit aufgerissen. „Ooh heiliche Dreifaltichkeit – aiz hots ei’gschlong!“ Mit einem Satz war er auf den Beinen, rannte Richtung Ausgang und verschwand in die Nacht, als wäre der Teufel hinter ihm her. Bis zum Schichtende ist er nicht mehr aufgetaucht.
Als die beiden Übeltäter in der nächsten Nachtschicht „ahnungslos“ zur Reparatur erschienen, musterte Seff sie nur kurz und knurrte: „Enk seids ma so Hundskrüppl, so elendiche!“ - und ging ihnen den Rest der Woche aus dem Weg
Die beiden hatten natürlich nichts Wichtigeres zu tun, als ihren Streich allen Kollegen von der Instandhaltungswerkstatt zu erzählen. So hatte der Seff einige Wochen unter den insistierenden Fragen der Kollegen zu leiden, ob die Sauerstoffanlage wohl den Blitz anziehe, oder ob er nicht sicherheitshalber einen Blitzableiter an seinem Spind montieren wolle.
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